perpetua – auf der Flucht

unendlicher menschenzug,
der nach sich selber fragt:
jahrtausende sind wir unterwegs,
wo ist das,
was wir gesehen haben?

perpetua ist eine Installation von 33 lebensgroßen Filzfiguren aus Wolle und Haselzweigen sowie 12 eingefilzten Figuren. Sie thematisiert Flucht und Vertreibung und wurde seit 2009 in mehreren Kirchen gezeigt. Das Thema ist und bleibt aktuell. Auch hier geht es mir um das Gewahrwerden der transgenerationalen Weitergabe solcher Erfahrungen. Denn jedes traumatische Erlebnis hinterlässt Spuren in den Genen. Die Epigenetik erforscht dies erst seit einiger Zeit.

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf meine archaischen Figuren. Sehr selten erfahre ich Lachen oder Ablehnung. Oft berichten mir die Menschen davon, wie es sie anrührt – und sie erzählen dann von sich. Sie erzählen mir ihre Geschichte, oft Dinge, die sie, wie sie versichern, noch nie jemandem erzählt haben. So lassen sie das ans Licht, was verborgen war und belastet hat. Durch diese Gespräche erschloss sich mir nach und nach, was diese archaischen Figuren anrühren und wie sie wirken.

Erfahrungen mit perpetua

„ich habe mir die figuren angesehen. dann habe ich mich hingesetzt. danach ist etwas merkwürdiges passiert. als die cellistin spielte, dieses moderne stück von ligeti, da sah ich plötzlich die erste kleine figur. die habe ich vorher gar nicht gesehen. das hatte ich wohl ausgeblendet. aber da habe ich plötzlich gedacht: das bin ja ich! und plötzlich habe ich dann all die anderen kleinen figuren gesehen. plötzlich war die erinnerung ganz da. später bin ich mit meinem dreijährigen patensohn durch die installation gegangen. bei der figur der gebärenden sagte er zu mir: frau tot, da baby.“
frau, 66 jahre, als dreijährige mit ihrer familie aus schlesien geflohen

die figur der gebärenden wurde in jeder der ausstellungen von besuchern bewegt. sie haben versucht, die figur aufzustellen. sie haben das neugeborene unten den rock der figur gesteckt.

„ich habe mich plötzlich erinnert, wie meine mutter mit meinem bruder und mir auf der flucht war, ein drittes kind im bauch. ja, und dann, auf dem weg, haben wir das achtmonatskind in die kiste gelegt und begraben.“
mann, 70 jahre

während der ausstellung war eine trauerfeier in der kirche. verstorben war jemand aus einer flüchtlingsfamilie. jemand legte aus einem grabgesteck eine blume vor eine kleine figur

„ich habe einige menschen ganz gezielt angesprochen, damit sie sich perpetua ansehen. die meisten sagten, sie hätten angst davor, an damals erinnert zu werden.“
frau, 76 jahre, als kind geflohen

„ich habe das noch nie jemandem erzählt. wie meine mutter und die anderen frauen ... meine mutter sagte den männern, das da, das sind kinder. wir sollten ganz leise sein und uns schlafend stellen. aber nie werde ich vergessen, wie meine mutter ... und dann die erhängten. die, die es nicht ausgehalten haben, was passiert ist. das habe ich gesehen. oh, was habe ich alles gesehen ...“
frau, 78 jahre

„das ist wie ruanda. oder ... nein, wie überall, wo menschen fliehen.“
akberet h., aus eritrea